PROBEN
Unser Recht
Aus: Pfade hinaus, Episoden der Erinnerung
Im Dezember 1989 – also nach der Öffnung der Grenzen
zwischen der DDR und der BRD, doch vor den ersten freien Wahlen
im Osten – forderte das Fernsehen der DDR den Komponisten
Siegfried Matthus und den Lyriker Uwe Berger zur Diskussion über
eine neue Nationalhymne auf. Der Einladende war Hans Bentzien.
Matthus faßte als Textgrundlage Bertolt Brechts „Kinderhymne“ ins
Auge, deren Leichtigkeit und Beschwingtheit er lobte. Hingebungsvoll
korrigierte er die Probeklänge eines Quartetts, das alte und
neue Hymnen darbieten sollte.
Ich hatte einen kleinen historischen Exkurs über die von
der Ode schwer abzugrenzende Hymne vorbereitet. Einen wichtigen
gedanklichen Ansatz fand ich bei Pindar: „Maß im Gewinnen
soll man erstreben; Gier nach dem Unerreichbaren/ ist ein allzu
bitterer Wahn.“ Ich dachte laut an Goethes „Bruder,
nimm die Brüder mit“ und an Schillers „Alle Menschen
werden Brüder“. Freiligrath hatte mit dem Vers „ Wir
sind das Volk, die Menschheit wir“ dem Aufbruch von 1989
ein Stichwort gegeben. Meine eigenen Vorstellungen sollte ein Entwurf
verdeutlichen, den ich vortrug: „Wir haben frei uns unser
Recht genommen.“
Daß Komponist und Dichter nicht zusammenkamen, war vorauszusehen.
Doch wie mir ein Freund, der Fotograf Karl Deutscher, nach Jahren
bestätigte, kam hier das Selbstbewußtsein einer Bürgerbewegung
zu Wort, deren weitergehender Impuls von „Angliederung“ an
Selbstzufriedenheit aufgesogen wurde.
2005
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