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Auf der Flucht

Aus: Suche nach mehr, Roman

Jetzt hatten die beiden Langmäntel wieder den Zug bestiegen. Sie würden ihn weiter durchkämmen. Sie würden sie nicht fassen. 

Carola verließ den leeren Schalterraum des Bahnhofs. Wo sollte sie die fast fünf Stunden verbringen, die bis zur Abfahrt des Personenzuges blieben? Suchend streifte sie durch die nächtlichen Straßen. Ihre Schritte hallten auf dem holprigen Pflaster. Sie fror. Schwarze Baumkronen ragten über eine Mauer. Ein Friedhof. Sie fand den Eingang und tappte über den knirschenden Kies eines Weges, an dessen Ende die Silhouette einer Kapelle stand. Rechts und links ruhten die Toten unter ihren Steinen. Dort könnte sie unbeachtet kauern, wenn es nicht anders ging. Doch die Kapellentür ließ sich öffnen. Sie knarrte. Carola schlüpfte schnell in die Finsternis des Innenraums, in die durch hohe Seitenfenster ein schwacher Mondglanz fiel. Sie suchte sich, halb sehend, halb tastend, einen Platz an einer Seite der wenigen Bankreihen. Es roch nach Kerzen, Blumen und Schweiß. 

Nach kurzem Besinnen zog sie den Mantel aus und vertauschte die Bluse auf ihrem Körper gegen den Pullover. Sie aß ein wenig. Dann legte sie sich, in den Mantel gewickelt, auf die Bank und schob das Netz mit dem weichen Inhalt unter ihren Kopf. 

Es war eigenartig, zum ersten Mal seit ihrer Flucht genoß sie das Gefühl uneingeschränkter Freiheit. Hier lag sie nun – ohne die Genehmigung eines Vermieters, entzogen der Befehlsgewalt von Direktoren, Bonzen und Luftschutzwarten, unabhängig sogar von der Liebe und der Fürsorge eines Mannes. Für sie selbst war nur sie selbst verantwortlich. Sie wußte, dieser Zustand war vorübergehend, war nur ein Zwischenreich. Schon bald brauchte sie wieder, um zu überleben, die Hilfe anderer. Aber die würgende Angst der Einsamkeit hatte etwas Phantastisches, Verführerisches, Rauschhaftes. Sie erinnerte sich an ihre Kindheit, an die Stimmung, wenn sie sich allein in einer Höhle aus Zweigen oder Stroh verkrochen hatte, entzogen allen Blicken, allen Verfolgungen, allen Strafen. Freilich hatte dann auch Spaß gemacht, dieses Gefühl mit einem Spielgefährten zu teilen ... Hast du je, bloß eine Sekunde lang daran gedacht, John, mit mir zusammen zu fliehen? 

Einschlafend dachte sie: Nur für dreieinhalb Stunden! Stell deine innere Uhr, Caro, du mußt vor Morgengrauen hier weg. 

1991

 

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