PROBEN
Independence Day
Aus: Pfade hinaus, Episoden der Erinnerung
Sowjetischer Botschafter in der DDR war seit
1983 ein Mann namens Wjatscheslaw Kotschemassow. Ich lernte
ihn kennen, als ich ihn
mit anderen Präsidiumsmitgliedern des Kulturbundes in Bad
Saarow zu einem Besuch der Gedenkstätten für Becher und
Gorki empfing. Wir wechselten ein paar Worte, und er sagte mir,
die Türen der UdSSR-Botschaft in Berlin stünden mir
jederzeit offen.
Ich habe dieses riesige Botschaftsgebäude nie betreten. Doch
ich traf Kotschemassow noch einmal wieder, und das war im Garten
der Residenz des USA-Botschafters. Ich ging auf den Russen und
seine Begleiter zu und sagte: „Sie haben mir einmal erklärt,
die Türen Ihrer Botschaft stünden mir jederzeit offen.
Aber nicht Sie, sondern die Amerikaner haben mich eingeladen,
und so begegnen wir uns hier.“
Auf meine – zugegeben etwas hinterhältige – Anspielung
wußte Kotschemassow keine Antwort. So trennten wir uns
rasch wieder. Wir hatten uns nichts zu sagen.
In den Jahren 1986, 1987, 1988 und 1989 luden uns die Botschafter
der USA in der DDR Francis Joseph Meehan und Richard Barkley und
deren Gattinnen in den Garten der US-Residenz in Berlin-Pankow
ein. Nach diplomatischem Protokoll kann der Geladene, bitten Gastgeber
und Gattin, seine Frau mitbringen. Also fanden Anne und ich uns
jeweils am oder um den 4. Juli herum zum Nationalfeiertag der USA
in der Nordendstraße in Pankow ein. Welchen Umständen
oder wem ich die Einladungen zu verdanken hatte, weiß ich
bis heute nicht. Vielleicht spielten meine Beiträge in der
dreibändigen Anthologie „DDR-Literatur im Tauwetter“ (1985
erschienen bei Peter Lang Publishing, Inc., New York) eine Rolle.
Tatsache ist, daß die Bücher, die ich in der DDR schrieb,
in den USA eine nicht widerspruchsfreie, aber immer faire Kritik
fanden. Vor allem wurden sie überhaupt wahrgenommen. Amerikanische
Germanistinnen und Germanisten besuchten mich im Lauf der siebziger
Jahre mehrfach in meiner Berliner Wohnung. In Erinnerung sind mir
die Namen Gumpel und Condee, König und Zipser.
Als Anne und ich beim ersten Mal an Volkspolizisten und dann an
GIs vorbei in den Garten gingen, in dem bunte Stände mit Getränken
und Imbißhappen aufgebaut waren und weiße und schwarze
Musiker einer aus Westberlin herangeholten Militärkapelle
bliesen und trommelten, hatte ich den Eindruck, ein Stück
ländliches Nordamerika zu erleben. Es war wie bei einem Barbecue
in Texas. Wir standen fasziniert und ein bißchen verloren
herum. Plötzlich sagte meine Anne: „Du, da fotografiert
uns einer.“
„
Wer? Wo?“
„
Hinter der Bank da drüben hat sich jemand versteckt.“
Tatsächlich waren hinter den weißgestrichenen Latten
einer Gartenbank die Umrisse eines hockenden Mannes zu erkennen.
„
Weißt du was, jetzt schlendern wir mal auf die Bank zu.“
Das taten wir, und als wir näherkamen, erhob sich ein junger
Mann mit umgehängter Kamera. Er drehte sich linkisch um und
ging davon, als wäre nichts geschehen.
Ein elementares Ereignis hätte uns einmal fast die Bewegungsfreiheit
genommen. In der Hitze des Julitages war die schwarze Schmiere
flüssig geworden, die ein Automechaniker in alle Hohlräume
unserer Lada-Karosse gespritzt hatte. Anne stieg aus dem Wagen,
ihr weites cremefarbenes Kleid umschwebte sie – und fing
einen großen Tropfen des höllischen Zeugs ein. Der Fleck
war groß wie ein Markstück. Verständlicherweise
verlor Anne die Fassung und wollte umkehren. Nein, so gehe sie
da nicht hin.
„
Warte“, sagte ich. „Wir geben erst auf, wenn wir alles
versucht haben.“
Ich schraubte den Tankdeckel los, senkte einen zusammengerollten
Lappen in die Tiefe und begann das Kleid zu bearbeiten. Über
uns, auf dem Bürgersteig, stand ein Volkspolizist und sah
uns erstaunt zu. Der Fleck wurde immer größer, groß wie
zwei Handteller. Anne war verzweifelt. Der Volkspolizist grinste.
Doch ich hatte bemerkt, daß der Fleck auch heller wurde.
Anfangs mutierte er in ein dunkles Braun, dann in ein helles. Der
Lappen war vollgesogen, ich nahm einen neuen, und allmählich
wurde Braun zu Ocker und Ocker zu Hellgelb. Der Volkspolizist hörte
auf zu feixen, und Anne sagte: „Aber ich stinke nach Benzin!“
„
Ach, das verfliegt!“
Und so gingen wir denn hinüber in den Garten und machten Shakehands,
nur wenig irritiert, mit einem in cremeweißen Falten verborgenen
Ornament und einer originellen Duftkombination.
Die Gäste waren bunt gemischt. Man sah alle Hautfarben von
Weiß und Gelb bis Braun und Schwarz, schlichte und hochmodische,
einfallslose und originelle Aufmachungen und hörte ein babylonisches
Sprachgewirr. Ich wich dem unnahbar erhobenen Antlitz der Dichterin
Elke Erb aus und sprach mit der ängstlich hin und her flatternden
Gabriele Eckart. Der sich wie immer berlinisch und etwas schlampig
gebende Heinz Kahlau stellte uns seine schmale, bescheidene Frau
vor, und der freundlich lächelnde Heinz Knobloch äußerte
sich zu jüdischen Kulturtraditionen. Klaus Gysi lästerte über
die schwarzen Raben, wie er die Nonnen nannte, und schimpfte auf
Margot Honecker, die auf dem Pädagogenkongreß ihren
Mann bereits „wiedergewählt“ habe. Stefan Heym
hatte sich neben Mr. Meehan aufgebaut, um eine Sonderaudienz zu
erlangen. Aber der Botschafter beachtete ihn nicht, sondern verabschiedete
die Gäste, die sich zu einer Warteschlange formiert hatten.
Als wir an der Reihe waren, sagte ich, ein Wort von Ronald Reagan
abwandelnd: „Herr Botschafter, es war wieder sehr angenehm
bei Ihnen. Hier trifft man Menschen, die man sonst nicht sieht.
Hier ist ein Ort der Begegnung.“
Meehan antwortete schlicht und freundlich: „Das freut uns,
und das ist auch unsere Absicht.“
Mr. Barkley, der uns 1989 empfing und verabschiedete, schien vorsichtiger
und weniger aufgeschlossen zu sein.
2005
|