PROBEN
Abschiedlächelnd
Aus: Pfade hinaus, Episoden der Erinnerung
Puschkin steht am Anfang der modernen russischen Literatur als
ein ganz Großer der europäischen und der Weltliteratur.
Die Prägnanz und Natürlichkeit, die Schönheit und
Tragik seiner poetischen Sprache sind unvergleichlich.
Ich hatte das Glück, dem Geist Puschkins an Orten seines Lebens
und Sterbens in einer Atmosphäre allgemeiner Beteiligung zu
begegnen.
Südlich von Pskow, bei Michailowskoje, wo der Dichter als
Zarengegner auf das väterliche Gut verbannt war, erlebte ich
1971 ein Volksfest auf einer von Bäumen gesäumten Wiese,
zu der man von weither gepilgert kam.
Von einer großen Zahl von Menschen eingezwängt, stand
ich am Grab des Gefeierten im Swjatogorski-Kloster und hörte
einen berühmten Sänger und einen Schulchor Lieder von
Swiridow und Berlioz singen. Zwei Russinnen stemmten sich mit ihren
Körpern gegen die Menge, um ausreichend Platz für meine
schwangere Frau zu schaffen.
In dem Haus in Sankt Petersburg, damals Leningrad, wohin der sterbende
Dichter nach dem Duell getragen worden war, brach die Kustodin
bei der Schilderung dieses Geschehens in Tränen aus. Ich fragte
mich, ob sie immer weine, wenn sie Gäste durchs Museum führte.
Im Moskauer Tschaikowski-Saal sprach ein älterer Schriftsteller
Verse aus „Eugen Onegin“; er las nicht, er rezitierte
frei. Als er steckenblieb, hielten Hunderte von Zuhörern den
Atem an. Nach geraumer Weile half ihm ein blondes Mädchen
von zehn oder elf, das im Parkett saß, mit dünnem Stimmchen
ein, und ein befreiendes Lachen ging durch den Saal.
Der sozusagen vertraute Umgang mit Puschkin versetzte mich neben
anderen Faktoren in die Lage, im Oktober 1977 zum „Dialog
mit Puschkin“, den eine Zeitschrift anstrengte, eine von
gleich fünf Nachdichtungen der Puschkinschen „Elegie“ von
1830 beizusteuern:
Die tollen Jahre, das verstummte Lachen
beschweren mich, ein elendes Erwachen.
Die Trauer des Gewesenen nimmt mich ein,
je älter um so stärker wie der Wein.
Mein Weg ist grau, und Schmerzen hält bereit
das aufgewühlte Meer der Künftigkeit.
Ich will nicht, Freunde, aus dem Leben scheiden,
will dauern, um zu denken und zu leiden;
noch Glück wird mir zuteil, bin ich gewiß,
in Leid, in Unruh und in Bitternis:
es wird mich Harmonie im Herz erfassen
und eine Vision mich weinen lassen,
vielleicht auch leuchtet mir, geht einst mein Lauf
hinab, die Liebe abschiedlächelnd auf.
2005
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